Kreistagsfraktion für Medizinische Versorgungszentren.

Veröffentlicht am 01.08.2007 in Kreistagsfraktion

Unsere Gesundheitseinrichtungen im Kreis sind sehr gut aufgestellt. Das hat, aktuell, auch die Reflexion über den Jahresabschluss des vergangenen Jahres bestätigt. Aber auch: dass erste Erfolge (noch) nicht reichen! Dass wir Krankenhauslogistik, durch Rationalisierung von Abläufen und Entscheidungswegen, deutlich konsequenter optimieren und Potenziale effizienter nutzen müssen. Und: dass wir strukturierte Versorgungsketten aufbauen und ambulante und stationäre Versorgung wirksam öffnen und vernetzen müssen.

Dass im System die eine Hand oft nicht weiß, was die andere tut, ist nicht nur teuer, es verhindert auch die optimale Versorgung der Patienten. Die fragmentierte Organisation des deutschen Gesundheitswesens mit seiner äußerst starren Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, die Organisation der ambulanten Versorgung (in der Regel über Einzelpraxen) und die Doppelvorhaltung fachärztlicher Versorgung führen zu Informations- und Abstimmungsproblemen zwischen dem ambulanten und dem stationären Sektor, aber auch zwischen niedergelassenen Haus- und Fachärzten.

In fast allen europäischen Ländern findet die fachärztliche Versorgung - mit guten Gründen - vor allem im Krankenhaus statt. Fachärzte benötigen eine adäquate medizintechnische Ausstattung, die (aus Amortisationsgründen) den Trend zur Leistungsexpansion fördert. - Nicht von ungefähr werden (im internationalen Vergleich) hierzulande bevölkerungsbezogen die meisten ärztlichen Konsultationen und außerdem je Konsultation das höchste Leistungsvolumen erbracht. Und nicht ohne Grund fällt Deutschland im internationalen Vergleich durch deutlich überdurchschnittliche Ausgaben für ambulante und, mit 6,5 Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner gegenüber 4,0 im europäischen Schnitt, auch stationäre Versorgung auf. Der Gesundheitszustand unserer Bevölkerung ist deshalb nicht besser.

Reformversuche, wie "Integrierte Versorgung" oder DiseaseManagement-Programme zur Schaffung strukturierter Versorgungsketten, die verschiedene Leistungssektoren miteinander verbinden, greifen deshalb nur unzureichend, weil alle Beteiligten penibel darauf achten, dass sie ihren Teil der Torte behalten.

Es ist, auf den Bereich unserer Gesundheitseinrichtungen herunter gebrochen, unsere politische Aufgabe, das hochkomplexe, für Laien kaum verständliche Geflecht aus Organisation, Abläufen und Interessen im Rhein-Neckar-Kreis so auszutarieren, dass vor allem die gesundheitlichen Interessen unserer Kreiseinwohner gewahrt bleiben: Durch Sicherung einer hohen Behandlungsqualität auf der einen und der Wirtschaftlichkeit medizinischer Leistungen auf der anderen Seite. Und vor diesem Hintergrund sind wir stolz auf beispielhafte Kooperationen mit modernen Facharztzentren an unseren Kliniken.

Seit der Gesundheitsreform 2004 dürfen niedergelassene Ärzte und Kliniken Medizinische Versorgungszentren, als Einrichtungen ambulanter, fachübergreifender Zusammenarbeit von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen, gründen. Bei Ärzten ist der Gründungseifer inzwischen abgeflaut, denn das neue Vertragsarztrechtsänderungsgesetz erlaubt seit Beginn dieses Jahres auch Niedergelassenen, Ärzte anzustellen, Zweigpraxen zu gründen oder ihre Praxis an zwei Standorten zu betreiben. Für die Krankenhäuser, aber, ist’s die Möglichkeit, in die ambulante Patientenversorgung einzusteigen - und damit Feindesland zu betreten: denn ambulante Versorgung war bislang alleinige Domäne der niedergelassenen Ärzte.

Und die Krankenhäuser müssen diesen Einstieg wagen: Jede Klinik, die unter gewandelten Bedingungen und bei sinkenden Erlösen im stationären Bereich überleben will, muss einen Fuß in den ambulanten Bereich reinkriegen, muss koordinierte Behandlung aus einer Hand realisieren und: medizinische Versorgungsstrukturen schaffen, die Kooperationen fördern, und den Patientinnen und Patienten - durch enge Zusammenarbeit aller an der Behandlung Beteiligter und gemeinsame Verständigung über Krankheitsverlauf, Behandlungsziel und Therapie - eine ambulante Versorgung aus einer Hand bieten und so den Standort sichern und auch: der demografischen Entwicklung gerecht werden.

So lassen sich, durch Bündelung medizinischer Kompetenz, Synergieeffekte nutzen und kurze Wege für die Patientinnen und Patienten einrichten. So lassen sich, durch strukturiertes Behandlungsmanagement der Ärzte untereinander, Doppeluntersuchungen vermeiden und Arzneimittel besser aufeinander abstimmen. So kann Medizintechnik gemeinschaftlich genutzt werden, lassen sich, wenn Laborwerte nur einmal erhoben und Röntgenaufnahmen nur einmal aufgenommen werden, Kosten medizinischer Versorgung senken und können Arbeitszeiten flexibler gestaltet und das medizinische Personal von Verwaltungsarbeiten entlastet werden. Und: so lässt sich, wenn sich Kollegen unterschiedlicher Fachrichtungen bei der Begutachtung von Patientinnen und Patienten austauschen können, auch die Qualität medizinischer Versorgung insgesamt verbessern.

Aus dieser Überzeugung stimmt die SPD-Fraktion der skizzierten Aufweichung der Schnittstelle zwischen Klinik und Praxis durch Gründung der „GRN Medizinische Versorgungszentren gGmbH“ als Tochter der GRN gGmbH zu. Dabei verkennen wir nicht, dass die beabsichtigte Umsetzung ’kurzer Wege’ auch die Gefahr langen Streits bergen kann, denn viele der niedergelassenen Ärzte sehen im Klinik-MVZ einen Angriff auf ihre wirtschaftliche Existenz - und drohen damit, diesen Kliniken künftig keine Patienten mehr zu schicken.

Verstehen wir daher unsere künftig möglichen klinischen Medizinischen Versorgungszentren nicht als Konkurrenz zu den Niedergelassenen, sondern vielmehr als Bindeglied zur Klinik bei fachspezifischen Fragen. Verstehen wir sie auch als Chance besserer Positionierung unserer Kliniken und: als Chance neuer Versorgungsformen außerhalb der Ballungsräume, dort, wo Versorgungsstrukturen wegzubrechen drohen und das medizinische Spektrum erweitert werden muss. Und vertrauen wir, wenn wir, mit neuen Modellen interdisziplinärer Kooperation, notwendig differenzierte Versorgung im Rhein-Neckar-Kreis sichern wollen, auch uns selbst, unseren Vertreterinnen und Vertretern im Aufsichtsrat der GRN gGmbH und dem Fingerspitzengefühl verantwortlich handelnder Geschäftsführer an deren Spitze.
Gerhard Greiner

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