Öney, Gall und Friedman: Gesprächsabend „Neue Formen des Antisemitismus“

Veröffentlicht am 08.11.2012 in Allgemein

Reinhold Gall, Bilkay Öney und Michel Friedman

„Wann beginnt die Gewalt gegen Menschen?“ Diese Frage hat am 7. November Michel Friedman, Publizist und Autor, in den Mittelpunkt seines Vortrags im Stuttgarter Gemeindehaus der Israeltischen Religionsgemeinschaft Württembergs (IRGW) gestellt.

Auf Einladung der Integrationsministerin Bilkay Öney kamen er und Innenminister Reinhold Gall zum Gesprächsabend „Neue Formen des Antisemitismus“ zusammen. Mit Blick auf den Gedenktag zur Reichpogromnacht vom 9. November 1938 diskutierten Friedmann, Gall und Öney über Menschenfeindlichkeit und Verantwortung.

Die Integrationsministerin sagte: „Die Stimmen der Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben, werden in wenigen Jahren verstummt sein. Ihre Mahnungen werden uns dann nicht mehr begleiten. Die Erinnerung an die Shoa darf aber nicht verblassen. Und die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus darf nicht nachlassen. Dafür müssen wir sorgen, nicht die Jüdische Gemeinde.“

Studien zeigen, dass auch in unserer Zeit der Antisemitismus nicht überwunden ist. Im Jahr 2010 stimmten 16 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass Juden in Deutschland zu viel Einfluss haben (Professor Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände). Innenminister Gall bestätigte, dass vor allem rechte Demonstrationen und Internetveröffentlichungen zunehmen. Er appellierte an die Eigenverantwortung der Menschen, insbesondere auch der Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst. „Im Rahmen der Vereidigung unserer Polizeianwärterinnen und Polizeianwärter werden wir die Erlebnisse der früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, in die Reden aufnehmen.“ Er wolle die jungen Menschen für das Thema sensibilisieren.

„Wir sind uns alle einig über den Endpunkt von Gewalt“, knüpfte Friedman an seine Kernfrage an. „Mich beeindruckt, wenn Menschen in den Anfangspunkten von Gewalt intervenieren.“ Sei es in der Familie, unter Freunden, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Rechtsextremismus sei das Problem der Demokraten, nicht der Juden, Moslems oder Schwulen. „Wenn die Nazis wieder das Sagen haben, wo gehen dann die Deutschen hin?“, so Friedman. „Judenfeindlichkeit ist Menschenfeindlichkeit. Wir sind alle Menschen, wir sind alle davon betroffen.“

Barbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW, dankte der Landesregierung für ihren Umgang mit dem Thema Antisemitismus: „Das ist bemerkenswert.“ Sie lobte auch den klaren Standpunkt von Bilkay Öney in der Beschneidungsdebatte. Die Ministerin hatte sich dafür ausgesprochen, die Beschneidung von Knaben aus religiösen Gründen zu ermöglichen. Traub: „Die Landesregierung hat sich beispielgebend verhalten.“

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