SPD bemängelt schwere Versäumnisse der Landesregierung beim Turbogymnasium

Veröffentlicht am 11.01.2006 in Landespolitik

Ute Vogt: „Kindern wird die Freude am Lernen genommen – eine fatale Entwick-lung, wenn wir eine höhere Wertschätzung von Bildung erreichen wollen“

Die SPD-Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin Ute Vogt hat die Bildungspolitik der Landesregierung scharf kritisiert. „Die Bildungspolitik in Baden-Württemberg bleibt Stückwerk: zu viele Experimente und keine pädagogischen Konzepte“, erklärte Vogt nach einer Klausursitzung der SPD-Landtagsfraktion in Karlsruhe.

Insbesondere die „überhastete Einführung“ des so genannten Turbogymnasiums habe bei vielen betroffenen Familien in Baden-Württemberg große Probleme ausgelöst, sagte Vogt. Die Klagen vieler Eltern über das enorme Arbeitspensum und den hohen Druck, dem die Kinder insbesondere in der fünften und sechsten Klasse des Gymnasiums aus-gesetzt seien, zeigten, dass das achtjährige Gymnasium (G8) überstürzt und ohne bil-dungspolitisches Gesamtkonzept durchgesetzt wurde.

„Gleicher Unterrichtsstoff in kürzerer Zeit, bis zu 45 Wochenstunden und mehr für den Unterricht, dazu Hausaufgaben und die Vorbereitung auf Klassenarbeiten führen zu
enormem Druck und sind zu viel für die Kinder“, äußerte sich Vogt. „Kindern wird die Freude am Lernen genommen – eine fatale Entwicklung, wenn wir eine höhere Wert-schätzung von Bildung erreichen wollen.“

Die Spitzenkandidatin der SPD kritisierte, dass offensichtliche Mängel bei der Umset-zung des G8 von der Landesregierung entweder nicht erkannt oder schlichtweg nicht zur Kenntnis genommen werden. Stattdessen werde die alleinige Verantwortung den Schu-len sowie den Lehrerinnen und Lehrern zugeschoben.

„Die Landesregierung hat mit dem achtjährigen Gymnasium zwar ganztägigen Unterricht eingeführt – aber ohne ein pädagogisches und ausgewogenes Konzept, wie es echte Ganztagesschulen brauchen“, so Vogt. Echte Ganztagsschulen böten mit ihren neuen Lernformen und -zeiten die Möglichkeit, den Unterrichtsstoff in der Schule durchzuneh-men und die Hausaufgaben auf die Schulzeit zu verlagern. Nur so könne auf Stärken und Schwächen des einzelnen Kindes besser eingegangen und jedes Kind individuell gefördert werden.

Die SPD-Chefin betonte, Ziel der SPD bleibe ein flächendeckendes Netz von Ganzta-gesschulen in Baden-Württemberg. Dabei seien neben der pädagogischen Konzeption auch zusätzliche Ressourcen für pädagogisches Personal notwendig.

Neben ihrer Kritik am G8 benannte Vogt Ziele und Schwerpunkte der Bildungspolitik der SPD. „Wir wollen erreichen, dass alle Kinder in Baden-Württemberg gleiche Startchan-cen in der Schule erhalten“, sagte die SPD-Spitzenkandidatin. So müsse das letzte Kin-dergartenjahr verbindlich und beitragsfrei werden, damit jedes Kind seinen schulischen Bildungsweg mit den gleichen Chancen beginnen könne. Dies gehe einher mit einer verpflichtenden Sprachstandsdiagnose und gezielter Förderung aller Kinder ein Jahr vor Schuleintritt.

Weitere wesentliche Bausteine einer verantwortungsvollen und zeitgemäßen Bildungs-politik seien die Aufwertung der Hauptschule, die Reform der Lehrerausbildung, die Stärkung der beruflichen Gymnasien sowie der Abschied von „kontraproduktiven Straf-aktionen“ wie Sitzen bleiben. „Und mit einer sechsjährigen Grundschule werden wir län-geres gemeinschaftliches Lernen ermöglichen, denn dies fördert die Entwicklung aller Kinder und hilft den Schwachen, ihr Leistungspotenzial zu erweitern“, erklärte Vogt ab-schließend.

Andreas Reißig
Pressesprecher

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